Unser Weihnachtsgeschenk: Das 300. Parallelprotokoll

Parallelprotokoll 2512201300132013:00

A
Der Weihnachtsbaum … also, etwas überrumpelt schweifen meine leuchtenden Exkinderaugen umher und finden ihn nicht. Unvorstellbar, dass in anderen Wohnzimmern jetzt diese Dinger rumstehen.
B  
„Es gibt Knistern, Knuspern […], Knacker“. Wer spricht da? Der Mensch im Radio, ein Mann in diesem Fall, ist lange vorbei. Nicht aber die Vorstellung des Algorithmus. Dieses überschmenschliche Wesen (kann man so sagen?) in den modernen Gerätschaften.
C  
Ich möchte so gerne einen kurzen Moment meine Ruhe haben! Das ist sehr schwierig im Herzen der Wohnung. Der Junge ist weggeschickt, die Stimmen ein bisschen weiter entfernt. Hinter mir Pfeifen, neben mir Seufzen. Der Baum ist dünne.
13:01
A
Das ist natürlich etwas abwertend gesagt, diese Dinger. Also, ein Weihnachtsbaum. Hier ist jedenfalls keiner. Ich denke an Os Weihnachtsbaum, mit rotem Edding an eine Flipchartwand gemalt. Nie hab ich etwas unsinnlicheres gesehen, den ganzen vorweihnachtlichen Abend hab ich fassungslos diesen eindimensionalen seelenlosen Weihnachtsbaum angestarrt. Aber etwas hat er sich ja dabei gedacht.
C
Er ist licht der Baum, so heißt das. Wie das Haar von alten Damen, die dann mit Dauerwellen und einem Hauch Lila gegensteuern. Der Baum erlebt auch gerade die letzten Momente seines Lebens.
13:02
B  
Er spricht von Bäumen. Ich sitze vor dem Baum. Der sogenannten Authentizität wegen, habe ich die Kerzen angezündet – elf Stück. Im Radio nun Gespräche über Feuer. Sie haben den Baum als Einstieg genommen.

C  
Seine dürren Ästchen sind zierlich, die Tannennadeln weich. Wo rote Kugeln hängen, biegen sie sich sanft hinab. Der Bruder berichtet, dass um ein Haar, das Haus in Flammen gestanden habe, weil er den Fünfjährigen die Kerzen hat anbringen lassen. Er liebt die Gefahr, schon immer, hat auch als Kind schon das Spielhaus in Brand gesetzt. Ich dagegen hätte nix gegen einen elektrisch lumifizierten Baum. „Sag jetzt ob du mitspielst!“, schallt es drohend durch die Wohnung. Er schlendert durchs Wohnzimmer in meine Richtung. Spielverderber.
13:03
A  
Vor meinem tiefen inneren Auge gibt es aber irgendwo durchaus so einen üppigen, sagenumwobenen und bis zur Zimmerdecke mit allem erdenkbaren Glitzerwerk geschmückten, funkelnden Baum, tief beseelt bis in die Nadelspitzen. Die glöckchenklingende Weihnachtsmusik wird freigesetzt mit dem Kerzenerwärmen. Oder entspringt diese Fantasie nur schlechten Blockbustern?
B  
Ein Baum ist eine Pflanze. Ein Baum wächst im Wald. Ein Baum kostet in etwa 25 bis 30 Euro, wenn man vor Weihnachten einen kauft. Es gibt Nadelbäume, die ihre Nadeln abwerfen und welche, die sie behalten.
13:04
B
In der Grundschule haben wir von Bäumen gelernt – Ihrer Rinde, den Blättern, den Samen. Alles Merkmale, die sich von Baum zu Baum unterschieden. Dieser Baum ist … eine Tanne? Vielleicht. Etwa zwei Meter hoch und mit Weihnachtsschmuck geschmückt.
13:05
B
Zum ersten Mal haben auch meine Hände mitgeschmückt. Kugeln ausgewählt aus den vier Bananenkartons mit Weihnachtsschmuck. Kerzenständer angeklipst und Strohsterne auf die Äste gelegt.
13:06
A
Hier stehen mehrere Kerzen, die haben auch ihren Raum, ihr Feld sozusagen, das ist weihnachtsbaumähnlich, es ist zumindest ein Ort im Raum, der nur dem Licht, der Wärme, dem Feuer vorbehalten ist, und wo der Blick immer automatisch hinwandert, wenn er das Zentrum des Raumes sucht.
B  
Das Schmücken folgt einem genau ausgeklügelten Ablauf. Die Kugeln dürfen nicht unter den Kerzen hän- gen, sonst sind sie voller Wachsflecken. Dann besteht immer noch die Möglichkeit, sie im Ofen wieder vom Wachs zu befreien. Das geht aber nur bei den einfachen Kugeln ohne Glitzer.
C

L. läuft schwätzend und rappend durch den Raum, D. wiederholt zum 485. mal einen Reim.
13:07
B
Es gibt also auch Kugeln mit Glitzer auf dem Baum. Es
gibt ein paar Vögel, von denen einer andauernd mit der Schwanzfeder wackelt. Es gibt über Jahre angesammelte Kinderbastelein von den anderen Kindern und mir.
C
Unter dem Baum liegen Geschenke, nackt, ohne Papier. Bücher, Cremetuben, Kleidungsstücke, die elektronischen Sachen sind schon in Gebrauch.
13:08
A
Auf dem Tisch liegt, das Motiv nach unten gedreht, eine von meiner Mutter fabrizierte Weihnachtskarte, die ich von meinen Exschwiegereltern bekommen habe, das heißt meine Mutter hat sie ihnen letztes Jahr im Kartenset zu Weihnachten geschenkt. Sie zeigt den elterlichen Weihnachtsbaum in einem unfreiwillig verschwommenen Detail, ganz der Duktus meiner Mutter. Überbelichtete Salzteigbömsel hängen zwischen fettigen dunkelroten Christbaumkugeln.
B  
Der Baum steht in einem Ständer mit einem raffinierten Verschlussmechanismus. Es gibt einen Hebel, mit dem man durch Nachuntendrücken ein Drahtseil spannen kann, das sich dann um den Fuß des Baumes schließt. Ich erinnere mich, als die Eltern dieses raffinierte Ding irgendwann mal gekauft haben.
C  
P. pfeift. Immer wieder denselben Takt, schöne Tonfolge, aber ich kann nicht mehr! Am Baum sind alte Bastelschätze aus dem Kindergarten, gestern gab es eine kurze Irritation, weil die Herkunft eines 3D-Sternes nicht identifiziert werden konnte. Bei uns hingen früher auch Schoko-Kränzchen und Plätzchen am Baum.
13:09
B
W. vor einigen Wochen: Wusstest du, dass der Getränkelieferant (wie heißt der noch gleich, lila blau auf weißen Wägen?) auch Christbaumständer verleiht? Wahrscheinlich hat er Weihnachtsbaumständer gesagt. Wie alt werde ich sein, wenn ich meinen ersten Christbaum habe. Muss man? Und was macht W.s Christbaum, wenn er in Las Palmas (oder so) ist.
C
Weihnachtsmänner aus Filz, ein Rentier, eine Mondsichel als Sitzgelegenheit für einen müden Weihnachts- mann. Eine rote Schnur mit Weihnachtsmannkonterfeien.
13:11
B
Wie kann man Lust auf einen Baum bekommen, wenn
man nie einen hatte? Bestimmt, weil seine Mutter gestorben ist. In der Kirche: „Für manche ist es das erste Weihnachten ohne einen geliebten Menschen.“
13:12
A  
Kurz dachte ich, ich stelle die Karte auf, dann hab ich auf Umwegen den elterlichen Weihnachtsbaum hier vor Ort. Der Gedanke hielt aber wirklich nur einen Sekundenbruchteil. Ein verschwommenes Salzteigbömselbaumdetail, vollgesogen mit herkunftsfamiliären Weihnachtsgefühlen, das war zu viel – ich hab die Karte sozusagen in hohem Bogen umgedreht. Die Woge an Gefühligkeit grade noch abgeschmettert.
B  
Nun weiß ich auch, was fehlte in der Kirche, war: der große Baum, der sonst immer vorne rechts stand. Die Mutter sitzt auf der Couch und strickt. Aus den Augen- winkeln sehe ich den Schlag der Nadeln, begleitet von dem passenden Geräusch.
C  
Der Baum ist geklaut, „gerettet“ sagt F. Alle außer ihm hätten sich auch mit der Kiefer, die D. im Topf hegt und pflegt, zufrieden gegeben. Die schlimmsten Gefechte an Weihnachten drehen sich doch immer darum, ob man an Traditionen festhält, oder ob es Änderungen geben darf auf dem holperigen Weg zur Herrschaft der nächsten Generation.
13:13
B
Der Christbaum – ganz oben: Eine Kugel, die eine Spit-
ze formen soll. Das Toupet des Baumes. Ein rot weißes Toupet, wie die Socken, die ich von Onkel und Tante geschenkt bekommen habe.
13:14
A
Jetzt starre ich aus dem Augenwinkeln schon wieder auf die Karte. Salzteig erinnert mich körperlich an meine Mutter.
B
Ein neuer Rekord: fünf Paar Socken. Es gibt weniger nützlichere Dinge. Muss mir noch Gedanken machen, wie ich mit den Weihnachtssocken umgehe. Wahr- scheinlich gibt es elf Monate im Jahr, in denen man sie voller Ironie tragen kann (angemessener Umgang) und einen Monat, in dem man sie mit Ernsthaftigkeit tragen kann. Wahrscheinlich sind sie sieben bis acht Monate allerdings zu warm, um diese doch mehr Wintersocken als Sommersocken zu tragen.
13:15
A
Es war an einem Weihnachtstag, als ich mit meinem Vater so einen Streit bekam, dass die Bescherung aus- fiel und ich sieben Jahre nicht mit ihm redete. Bis ihm meine Mutter den Hörer in die Hand drückte, nachdem sie mir grade zur just vollbrachten Geburt meines Sohnes gratuliert hatte. Diese Gewichte hält kein Weihnachtsbaum jemals mehr aus.
B  
Der Baum krümmt sich. Hinter ihm das Fenster, ein nasser Garten. Früher war Schnee. Immerhin Meisenknödel (Rassismus hier? MeisendivVögel*Knödel1). Er steht auf einem mit Tesakrepp festgeklebten braunem Papier von der riesen Rolle. Das Papier glänzt leicht und soll den Boden / Teppich vor Wachsflecken schützen.
C  
Oben hängt ein Engel. Wo kommt der denn her? F. hackt so gern auf der Kirche herum, dass es mich oft nervt, aber im Not- bzw. Weihnachtsfall schwebt ein Engel über uns. Ich denke an die Flügel der Kraniche, über die ich heute morgen gelesen habe, die tanzen- den Kraniche, Hammer, wie kitschig das klingt.
13:16
A
Zum ersten Mal denke ich das für die Zukunft: Werde ich jemals wieder einen Weihnachtsbaum haben? Also nicht dass es mich dazu drängt, aber man kann das ja mal fragen.
C
Die Pappkreise aus dem Kindergarten sind gelb und lila und türkis, standardfarbenes Tonpapier halt. Dass die jahrzehntelang den Wohnzimmerschmuck in der Weihnachtszeit bestimmen werden, da hat Kirsten damals nicht dran gedacht, und hätte sie, dann hätte sie auch nur gelacht.
13:17
A  
Es gibt dieses Jahr sogar einen Ort mit vielen bunten Christbaumkugeln, weil meine 5-jährige Mitbewohnerin sie in einer Kiste entdeckt und einfach an einen trockenen Zweig aufgehängt hat.
B  
Hinter mir steht neben der Tür der Eimer mit dem Wasser. Im Falle … Im Radio wird fleißig gesungen und ins Klavier geschlagen. Schön. Gut, dass ich nicht mehr Musik unterm Baum machen muss. Erinnere mich an schreckliches VorMusizieren. Man sollte Kindern nicht gut zureden Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen.2
C  
Der Baum stand manchmal bis Sylvester, im Osterfeuer wurde er dann verbrannt. Ich freu mich schon auf, das prasselnde Feuer. Darf man nicht. Mir fällt nichts ein, was man einfach noch unbeschwert darf. Man darf nur nicht nix sagen, sondern auch nix gerne machen. Ihr seid so!
13:18
B
Etwa 20cm von oben hängt meine Lieblingskugel. Sie ist aus durchsichtigem Glas und hat ein Glitzerknäuel in sich.
13:19
A
Auch Strohsterne sind nicht das Problem, und Kerzen sowieso nicht. Es ist das, was atmosphärisch dranhängt, die ganze tonnenschwere, weihnachtsrotztrunkene Familiengeschichte. Ich bin so froh, dass mein Sohn immer irgendwo anders baumtechnisch unterkommt, mit seinem Papa immer fröhliche Weihnachtszuflucht unter anderen Familienbäumen findet.
B
Manchmal kommt es vor, dass E. Dinge auffallen, die schon immer da sind. So hat er neulich voller Erstaunen die vermeintliche Lampe kommentiert. Keine Lampe, eine Traube gläserner Christbaumkugeln, die statt der silbernen Abschlüsse, die man gewohnt ist, eine Glasschlaufe haben.
13:20
A
Ich mag aber diese eigene Baumfreiheit eigentlich auch richtig doll, dieses luftige. Kein Baum ist auch ein Baum.
B
Alljahresweihnachtsdekoration.3
C
Ich geh jetzt spazieren. Endlich Ruhe!